Zum Problem mit dem Digitale Gesellschaft e.V.

DEADLY DIRK: Campaign for Free Galilee.
FRANCIS: Oh. Uh, People’s Front of Judea. Officials.
DEADLY DIRK: Oh.
FRANCIS: What’s your group doing here?
DEADLY DIRK: We’re going to kidnap Pilate’s wife, take her back, issue demands.
FRANCIS: So are we.
DEADLY DIRK: What?
FRANCIS: That’s our plan!
DEADLY DIRK: We were here first!
FRANCIS: What do you mean?!
DEADLY DIRK: We thought of it first!
WARRIS: Oh, yeah?
DEADLY DIRK: Yes, a couple of years ago!

Aus: Monty Python, „Life of Brian“, England, 1979

Eigentlich sind wir (und dieses „wir“ bezieht sich auf alle, die sich in irgendeiner Form netzpolitisch engagieren) uns doch einig: Wir müssen die Frau von Pontius Pilatus entführen, um die Römer aus Judäa zu vertreiben. Wir müssen uns engagieren, damit Deutschland eine ordentliche Netzpolitik bekommt, damit die Chancen und Möglichkeiten der Querschnittstechnologie Internet auch in andere Politikbereiche Einzug halten. Wir sind uns sogar halbwegs einig, wie die Grundzüge einer ordentlichen Netzpolitik aussehen sollen. Bei den großen Fragen wie Netzneutralität, Vorratsdatenspeicherung oder Netzsperren habe ich zumindest nicht das Gefühl, dass es Uneinigkeit im politischen Internet gibt.

Warum überwiegt Spott?

Eigentlich müsste also die Freude über die Gründung des Digitale Gesellschaft e.V. groß sein. Warum überwiegen (zumindest in meiner subjektiven Wahrnehmung) also Kritik, Spott und Häme? Weil es ums Ego geht. Weil es nicht darum geht, dass Pontius Pilatus Frau entführt werden soll, sondern wer sie entführt. Das ist genauso menschlich wie schade. Die Netzpolitische Szene in Deutschland hat exakt ein Problem, und das hat nichts mit Organisationsformen oder Inhalten zu tun: Einzelne Akteure ertragen es salopp gesagt einfach nicht, wenn andere öfter im Fernsehen sind als sie selbst.

Es ist müßig darüber zu diskutieren, welche Organisationsform am besten dazu geeignet ist, seine Forderungen und Vorstellungen durchzusetzen. Mitglieder einer politischen Partei werden sagen, dass eine Partei dafür am besten geeignet ist und andere wiederum werden zu bedenken geben, dass Parteien nicht grade die angenehmste Plattform für Engagement sind. Die organisieren sich halt anders. Wenn wir in ein Restaurant gehen interessiert uns ja auch nicht, nach welchen Prinzipien die Küche organisiert ist, sondern ob das Essen schmeckt.

Der Digitale Gesellschaft e.V. hat die Organisationsform eines straff organisierten Lobby-Vereins gewählt. Das kann ich verstehen. Das ist auch erst mal hinzunehmen und zu respektieren. Den Digitale Gesellschaft e.V. begrüße ich ausdrücklich. Wenn er es hinbekommt, Menschen die sich vorher nicht für Netzpolitik interessiert haben für Netzpolitik zu interessieren, dann kann das einer Partei, deren Kern die Netzpolitik ist, nur nützen. Ich beschwere mich nicht über Prozentpunkte für die Piratenpartei, die andere durch ihr Engagement für Netzpolitik erzeugen.

Alle wollen mitspielen dürfen

Ich persönlich verstehe nicht, wie man sich also darüber aufregen kann, dass sich da ein Verein gründet, der sich auf die Fahnen geschrieben hat für Netzpolitik zu kämpfen. Das ist gelogen. Ich verstehe das natürlich sehr gut. Weil man halt nicht mitspielen darf. Menno. Ist „für Netzpolitik sein“ ein Geschäftsmodell? Bekomme ich was dafür, dass ich für Netzpolitik kämpfe? Warum genau ist es schlimm, wenn Markus Beckedahl, ein erwachsener Mensch, mit anderen erwachsenen Menschen einen Verein gründet und diesen Verein nach den Prinzipien aufbaut, die er und seine Mitstreiter für geeignet halten? Der Digitale Gesellschaft e.V. entscheidet nicht über die Geschicke des Universums, sondern macht halt Lobby-Arbeit für die Themen, die den stimmberechtigten Mitgliedern wichtig scheinen. Ich frage mich ja, ob man sich über den Digitale Gesellschaft e.V. so aufgeregt hätte, wenns fünf picklige Nerds aus Hintertupfingen gemacht hätten, denen man eh nicht zutraut irgendwas zu erreichen. Das Problem mit dem Digitale Gesellschaft e.V. ist doch nicht, dass eine organisatorische Totgeburt produziert worden ist, sondern ein Verein, der wahrscheinlich in Zukunft im netzpolitischen Deutschland eine gewisse Relevanz haben wird.

Es geht also ums Ego. Es geht nicht darum wann welches Thema aufgebracht wird, sondern von wem. Da wird dann nicht mehr kritisiert, dass sich jemand für Netzneutralität einsetzt, sondern wer. Und dass der oder die so arrogant rüberkommt. Oder dass der so polarisiert. Und sowieso. Wenn mal Standpunkte und nicht Charaktere kritisiert werden würden, wäre das ja schon mal ein Fortschritt. Besonders gut ist ja die Kritik am Namen. Man sagt einfach Digitale Gesellschaft e.V. und fertig ist der Lack. Wer glaubt denn ernsthaft, dass dieser Verein für alle spricht?

Konstruktiv engagieren statt ranten

Leute, die sich über den intransparenten Charakter des Digitale Gesellschaft e.V. aufregen können ja ihren eigenen, total transparenten, basisdemokratischen Lobby-Verein gründen. Der müsste, angesichts der Aufregung um den Digitale Gesellschaft e.V., direkt ziemlich groß werden. Das kann der Sache ja nur nützen. Die Energie, die man beim Ranten gegen wen auch immer verschwendet in positives Engagement reinstecken. Viel hilft viel.

Der eigentliche Trick, den das politische Internet vollbringen müsste wäre darauf klar zu kommen, dass es okay ist wenn mal XY etwas den alten Medien erzählt und halt nicht man selbst. Man könnte sich dann vielleicht dem zuwenden was man fordert.

Reißt Euch zusammen

Beispiel Netzneutralität: Mit „das Netz muss neutral sein“ ist es nicht getan. Ich bin ja ab und zu auf so Veranstaltungen vom BITKOM und dann ist da die Meinung der Provider: Ja, wir werden uns an „Dienstklassen“ gewöhnen müssen, muss der Kunde halt in die Tasche greifen wenn er YouTube ruckelfrei sehen möchte. Die wollen halt kein Geld für Netzausbau bezahlen und machen aus der Verwaltung des Mangels ein Geschäftsmodell. Dann kann man natürlich fordern, dass der Staat das Netz ausbauen muss. Aber wie überzeugt man denn „den Staat“ viel Geld für eine solche Infrastruktur auszugeben? Muss man halt Lobbyarbeit machen. Die benötigt aber auch überzeugende Konzepte, damit jemand gewillt ist, sie umzusetzen. Vor allem braucht es Leute an den Entscheidungspositionen, die gewillt sind diese Konzepte umzusetzen. Wenn es da bei den bisherigen Parteien niemanden gibt, muss halt ne neue Partei ran (wink mit der Marmorsäule).

Long Story Short: Die Zerstrittenheit der netzpolitischen Szene Deutschlands nutzt nur denjenigen, die keine zeitgemäße Netzpolitik machen wollen. Solange wir damit beschäftigt sind, dass jemand anders ein bisschen mehr Aufmerksamkeit bekommt als man selbst, lacht man sich über uns kaputt.

Die Themen sind da, man muss sie nur zielgerichtet voran treiben.

25 Kommentare

  1. Danke Christoph, genau so ist es.

  2. […] Euler: “Schöne digitale Gesellschaft. Allein, es gibt sie nicht.” Christopher Lauer: “Zum Problem mit dem Digitale Gesellschaft e.V.” Falk Lüke, einer der Mitgründer der […]

  3. […] viaChristopher Lauer » Zum Problem mit dem Digitale Gesellschaft e.V.. […]

  4. Teilweise magst du mit deiner einseitige Sichtweise richtig liegen. Die anderen 50%, die im FAQ der @digiges unter den Punkten 3 bis 6 zu finden sind, hast du jedoch geflissentlich ignoriert. In der Schule waren 50% der Leistungserbringung eine 4-, wenn ich mich recht entsinne.

  5. Wie jetzt, du verstehst nicht, wie man eine Vereinsgründung kritisieren kann? Das ist seltsam. Irgendwie geht es bei der ganzen Netzpolitik doch auch ganz viel um Meinungsfreiheit. Aber Meinung haben soll man keine, wenn es um „die guten“ geht? Oder verstehst du generell keine Kritik an Organisationen? Darf ein Umweltschützer also nicht die Grünen kritisieren, oder ein Christ die CDU? Müssen wir jetzt alle alles abnicken und bejubeln, weil „hauptsache irgendwas“ und „besser als nichts“?

  6. Noch was: Die Digigess füllt eine Lücke, die es nicht gibt.

  7. Stephan Eisvogel

    Die Orga-Form ist nicht egal. Das System der Republik zwingt dich entweder in eine Partei (direkter Einfluss) oder zum Lobbyismus (indirekter Einfluss). Also was solls werden? Leute, die eine Meinung haben, hat die Republik genug. Und wie schnell man vom Idealisten und Akteur der allseits beliebten Partizipationssimulation „Politik“ zum Mitspieler des Systems wird, hat Padeluun in der EIDG gezeigt. Büro als Zuckerle hat gereicht. Also was solls werden? Wissen wir nicht, oder? Also warten wir auf Taten. Die erste Tat, die mir aufgefallen ist, war diese hier: http://twitpic.com/4m3fj7 Schlechte Idee, einen immer noch sehr beliebten und Piraten-nahen Aktivisten so gedankenverlassen aufs Korn zu nehmen, Herr Karteileiche von der Melonenpartei.

  8. Danke Christopher,

    so ist es !

  9. Es gibt schon durchaus sehr konkrete Ansatzpunkte für die Kritik, die aber auch allen bekannt sein dürften. Da ist der Name. Da ist die Ausrichtung auf die Spenden und ihre Verwendung zur Finanzierung von Vollzeit-Lobbyisten. Aber im Hintergrund schwingen natürlich auch Neid und Missgunst mit. Man wird das eh nur abwarten können, aber die Digiges muss natürlich in Vorleistung treten, bevor die Leute bereit sein werden, sich finanziell oder sonstwie zu engagieren.

    Ein guter Blogpost zur Kritik ist auch

    http://joergrupp.de/digitale-gesellschaft

  10. Du meinst, Leute, die mit dem digiges-Ansatz nicht einverstanden sind, könnten doch ihren eigenen Verein gründen, der den für besser gehaltenen Ansatz verfolgt. Bloß wozu? Den CCC gibt es bereits. Der wird auch in Politik und Medien als bedeutende Autorität wahrgenommen.

    Wie Daniel schon sagte: die digiges füllt eine nicht existierende Lücke, und die in „Leben des Brian“ parodierte Spalterei beschreibt das Verhalten der digiges, nicht das ihrer Kritiker.

    Wer meint, man müsse dieselben mauscheligen Methoden anderer Lobbyorganisationen anwenden, um mit ihnen konkurrieren zu können, betreibt selber doch gerade jene Praxis, die im modernen Netizen-Geist als zu überwinden gilt.

  11. […] lese ich ein wenig Stimmen zur digiges und neige dazu, entschieden fefe zuzustimmen (ist das grade ein wenig out, btw.?*) […]

  12. Warum ist denn der Beckedahl viel mehr im Fernsehen als ich? Das ist doch unfair, dann schmeiß ich halt mit Förmchen, äh Tweets.

  13. WORD.

  14. […] die manche darauf aufwenden, das von vorneherein herunterzuputzen, ist mir schlicht zu schade. Schoen beschreiben das Christopher Lauer und Rene […]

  15. „Leute, die sich über den intransparenten Charakter des Digitale Gesellschaft e.V. aufregen können ja ihren eigenen, total transparenten, basisdemokratischen Lobby-Verein gründen.“

    Wozu sollte jemand einen Verein gründen bzw einem beitreten nur um seine Meinung kund zu tun? Es ist ja im Gegenteil genau der Vorteil des chaotischen getwitters und geblogges im Internet daß sich jeder beteiligen darf, ohne Mitgliedschaft oder Satzungen, wann immer er/sie es will, anonym, pseudonym oder unter realem Namen.

    In einigen Fällen mag das deutsche Vereinsrecht Vorteile bieten, etwa beim CCC, da ist man rechtlich einfach viel besser abgesichert in Haftungsfragen. Aber um Kampagnen zu organisieren? Ich sehe da nach wie vor keinen Vorteil in der Gründung eines Vereins. Man beschränkt nur die Zahl der Leute die sich daran beteiligen können und halst sich mit dem Vereinsrecht unnötige bürokratische Arbeit auf.

  16. Ich glaub, das wird so nichts mit unserer Demokratie, wenn ich mir hier und woanders viele Kommentare durchlese. Denkt Ihr, dass man was verändern kann, indem man verbal wild um sich schlägt und dämliche Shitstorms veranstaltet?

    Und wenn viele Lobbyismus und Interessenvertretung ablehnen, weil das ja so undemokratisch und von der Gegenseite sei, dann ist es besser, den Kopf in den Sand zu stecken, laut lalalala zu schreien und zu hoffen, dass das übel irgendwann mal weg ist?

    Denkt mal darüber nach.

  17. niemand gibt einem chaotischen haufen evtl anonymer twitterer und blogger geld um kampagnen mit einem nicht-marginalen haufen geld auszustatten. ich jedenfalls kriege die krise wenn ich wenn ich riesige plakatkampagnen der bundesministerien „deutschland braucht den zensus“ sehe und weiss, dass „wir“ nichts dagegen zu setzen haben. die freiheit statt angst demos könnten auch von mitteln profitieren. ich hätte einige ideen (geklaut), die an der nötigen vorfinanzierung sofort scheitern würden, wo parteien und die anti-akw bewegung kein problem hätten/haben

  18. @a: Doch, so kann man tatsächlich etwas verändern, wie man an der Netzsperrendiskussion gesehen hat. So schön das war, „wir sind das Netzvolk“, das macht mir auch richtig Angst. Denn das Prinzip funktioniert auch andersherum, wie man an der Tea Party in USA schön sehen kann.

  19. Hallo Christopher,

    ich finde Du machst es Dir einfach mit der Analyse, und interessanterweise ist es dasselbe Ergebnis wie auf die Kritik an laprintemps und ihrem SpOn Interview: „Ihr seid doch alle neidisch“

    Damit setzt Du allerdings voraus daß die Leute auch in der Öffentlichkeit stehen wollen, und sie daher auf die neidisch sind die das tun. Ist bei mir aber z.B. gar nicht der Fall, und ich denke daß dieser Satz mehr über Dich als über die DigiGes-Kritiker aussagt.

    Darüber hinaus entgegnest Du Leuten die sagen daß sie eine intransparente Lobbygesellschaft als den falschen Weg erachten „Wieso? Könnt ihr doch auch“ – was zwar stimmt aber den Punkt verfehlt. Wieso sollte ich einen derartigen Verein gründen wollen wenn es für mich der falsche Weg ist?

    Ich finde Transparenz in der Politik wichtig, und das gilt für die Netzpolitik genauso.

    Von „Digiges e.V.“ zu sprechen löst das Verwechslungsproblem übrigens nur halb. Es löst es für den Blick aus der Netzcommunity heraus und innerhalb, aber nicht für den Blick in diese hinein. Wer sich mit dem Thema noch nicht befasst hat wird da zu Fehlschlüssen kommen, wie hier: http://www.fixmbr.de/lassen-wir-die-digitale-gesellschaft-selbst-zu-wort-kommen/ von Lars Klingbeil: „Ich begrüße das definitiv, dass wir jetzt einen Ansprechpartner haben“. Und genau das finde ich fatal.

  20. Lesenswert: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“. http://derdigitaleflaneur.blogspot.com/2011/04/digifla-13-bazukacho-rantet-pointiert.html

    @SunTsu: Willst Du Beckendahl & Co jetzt vorwerfen, was ein SPD-Politiker im Fernsehen gesagt hat?

  21. Hallo „a“,

    Nein, wo liest Du das? Es war ein Beleg dafür daß der Name durchaus für Probleme sorgen kann, und daß „Digitale Gesellschaft e.V.“ zu sagen das nicht löst. Der Name suggeriert einen Vertretungsanspruch für die gesamte digitale Gesellschaft, und er wird ja wohl auch so aufgefasst.

  22. @SunTsu: Und wer denkt an die armen Piraten in Somalia und woanders, die auf einmal immer mit einer Partei verwechselt werden, die durch den Namen einen Alleinvertretungsanspruch aller Piraten suggeriert?

  23. […] gibt es im Bereich des Spaltungswesens eine neue Gruppierung. Früher gab es nur die Volksfront von Judäa, die mit der judäischen Volskfront innig verfeindet war. Jetzt gesellt sich eine Digitale […]

  24. […] Zum Problem mit dem Digitale Gesellschaft e.V. (christopherlauer.de, Christopher Lauer) Christopher Lauer schreibt über die Kritik an der GRündung des Digitale Gesellschaft e.V. und hat einen wichtigen Hinweis: “Die Energie, die man beim Ranten gegen wen auch immer verschwendet in positives Engagement reinstecken.” […]

Was denkst du?