Gegen den gewohnten Schmerz

tl;dr: 2011 und 2012 waren für die Piraten erfolgreiche Jahre. Aufgrund unserer Sozialisation können die meisten von uns nicht mit Erfolg umgehen. Das müssen wir lernen, um weiterhin erfolgreich sein zu können.

2011 und 2012 waren für die Piraten sehr erfolgreiche Jahre. Es gelang uns aus dem Stand in vier Landesparlamente einzuziehen. Zwischenzeitlich sahen uns Umfragen bundesweit bei zweistelligen Werten. Wie kommt dann, so fragt man sich, ein Ergebnis wie Niedersachsen zustande? Meiner Meinung nach liegt es unter anderem am gewohnten Schmerz. Was ist der gewohnte Schmerz? Katja brachte mich mal darauf und dazu muss ich ausholen: Die meisten von uns sind den Piraten beigetreten, weil es eine Unzufriedenheit gab. Mit dem Leben, mit der Politik, mit der Gesamtsituation. Kurzum: Die Sozialisation der meisten Piraten ist davon geprägt, dass Dinge nicht so laufen, wie man es sich vielleicht wünscht. Mit der Zeit lernt man mit seiner individuellen Situation umzugehen, bis man ein hermetisches Weltbild hat, in dem man sich selbst und anderen erklären kann, woran es liegt, dass die Dinge nicht so laufen wie man es gerne hätte. Hat man einmal gelernt sich den Misserfolg und das Scheitern zu erklären, wird nichts so unberechenbar wie Erfolg. Eine Situation, die man bis dahin nicht kannte. Als Gewohnheitstiere versuchen wir aber Situationen herzustellen, die wir kennen, mit denen wir umgehen können. Damit möchte ich nicht sagen, dass wir alle aktiv am Misserfolg der Piratenpartei arbeiten, es ist vielmehr so dass wir in alte Muster zurückfallen, mit denen wir ja gelernt haben umzugehen. Somit ist Niedersachsen zwar ein politischer Misserfolg, absurderweise aber auch eine Situation, mit der die meisten von uns besser umgehen können als mit einem Erfolg, wie dieser Tweet unserer Schatzmeisterin ganz schön untermauert:

Endlich habe ich meine kleine, süße 2%-Partei wieder. Ich habe sie soooo vermisst!

— Swanhild (@schwan1) Januar 20, 2013

Doch wir müssen mit diesem Muster des gewohnten Schmerzes brechen. Als Partei, die in vier Landesparlamenten ist, die dieses Jahr in den Bundestag einziehen will, müssen wir endlich selbstbewusst mit unserem Erfolg klar kommen und verstehen, dass wir eben keine Loser mehr sind. Vier Landesparlamente sind eben ein Erfolg, den uns auch niemand mehr wegnehmen kann. Die einzigen, die uns jetzt noch behindern können sind wir. Wir müssen lernen mit Erfolg umzugehen, Erfolg anzunehmen und Politik zu machen, die das ausstrahlt. Wir müssen selbstbewusst nach außen tragen was uns gelingt und selbstkritisch an dem arbeiten, was uns nicht gelingt. Denn eins ist klar: Wir werden nach wie vor von denjenigen gebraucht, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben, die ihre Hoffnungen in uns gesetzt haben, ob uns das jetzt gefällt oder nicht.

24 Kommentare

  1. [...] Der Lauer ist der Meinung, dass wir einfach wieder in unser altes Schema zurückfallen wollen. Glaube es nicht, aber trotzdem interessant zu lesen. Teilen Sie dies mit:E-MailDruckenPinterestTwitterStumbleUponRedditDiggLinkedInTumblrFacebookGoogle +1Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste dem dies gefällt. [...]

  2. und alle so.. yeaaaahhh..

  3. Jacky Neiwel

    NEIN, nein nein keine Methaebene mehr.

    Sprich mit der erwähnten Katja und stellt eine Liquid Feedback Initiative auf. Es wäre nicht die erste Institution, wo sich die Piraten mit anderen Parteien eine Fraktion teilen. Beispiel Frankfurt ELF-Piraten oder Bremerhaven.

  4. [...] betreibt man Schmerztherapie (wenn ich den Text von Christopher Lauer richtig verstanden habe). Oder man twittert sich einen: [...]

  5. Susanne Bischoff

    Lieber Christoph

    Du hast wie immer Recht. Schon sehr erstaunlich,dass so ein junger Mensch wie Du schon über so eine klare globale Denkweise verfügt.
    Zu dem mit Erfolg umgehen lernen gehört vor allen Dingen eins : Dem anderen Erfolg gönnen und nicht neiden.
    Nur wenn die Piraten das lernen und aufhören jedem der aus der Masse heraustritt Profelierungssucht oder ähnliche Dinge zu unterstellen, können wir vielleicht das Ruder noch rumreißen.

    Leider kämpfen Götter gegen Dummheit selbst vergebens.
    Deshalb wünsche ich denen, die über Wissen ,Persönlichkeit und Mut verfügen ,dass sie stark genug sind die Masse davon zu überzeugen, dass es nur so gehen kann.

    LG Susanne Bischoff
    @moddestyblaise

  6. [...] Lesenswert dazu auch: .NEUSTART2013 und Gegen den gewohnten Schmerz [...]

  7. Wir könnten vielleicht einfach mal mit Shitstorming und gegenseitigem Bashing aufhören und es mal wieder mit Politik versuchen.

    Zumindest ist es das, was meine Bekannten und Verwandten davon abgehalten hat Piraten zu wählen.

  8. Schade, dass es nicht in Niedersachsen geklappt hat. Allerdings glaube ich nicht, dass es ein politischer Misserfolg ist. Ich glaube eher, dass Niedersachsen noch gar nicht zu gewinnen war. Ein Flächenland, das zwar wenig Einwohner hat, aber eben diese wenigen Leute wohnen weit verteilt.

    Haben denn die Piraten dort überhaupt schon so gute Basisarbeit leisten können, um ihre moderne Politik an die eher konservative Bevölkerung zu bringen? Schwer vorstellbar. Immerhin dürfte es kaum genug PiratInnen vor Ort geben, die eben nicht über das Netz, sondern über die realen Wege, wie Marktplätze etc. Wahlkampf an Ort und Stelle gemacht haben. Das ist keine Kritik, sondern sicherlich Realität.

    Ich bin der Meinung, dass sich vermutlich zu viele PiratInnen von Umfragezahlen haben verleiten lassen zu glauben, die Partei wäre in Niedersachsen schon auf dem Weg in den Landtag. Doch die Realität sah wahrscheinlich immer anders aus.

    Ich denke, der Fehler der PiratInnen war, dass sie den Zahlen geglaubt haben. Mehr aber auch nicht. Es war also kein politischer Misserfolg, weil ein Erfolg (noch) nicht möglich war.

    Für die Bundespartei und die 4 Fraktionen wünsche ich mir als Wähler vor allem: Macht Programm, schnappt euch die Themen, die die Menschen bewegen. Bildung, soziale Fairness, Bürgerrechte, steuerliche Fairness, Renten- und Gesundheitspolitik, politische Beteiligung. Erklärt den Menschen da draußen, warum sie auch darauf achten sollten, dass das Internet ein liberaler Raum bleiben sollte. Die meisten Leute verstehen das nämlich noch nicht, weil es zu komplex und zu abstrakt ist. Versprecht den WählerInnen nichts, sondern klärt sie auf. Sprecht aus, was andere Parteien verschweigen. Und vermutlich braucht die Partei neben starken Themen auch gute Köpfe, die die Partei nach außen repräsentieren können. Am Ende wählen die Menschen einfach Menschen – und die sollten sie kennen können.

    Gruß – ein Berliner Wähler

    PS: Und wenn ihr wirklich etwas anders machen wollt, als die anderen Parteien, dann schaut nicht nur rückwärts und sucht nach Schuldigen für Verfehlungen, sondern geht lösungsorientiert an Probleme ran. Dann klappt’s auch mit den nächsten Wahlen ;-).

  9. “Klarmachen zum Ändern” war einst das Motto der Piraten und ich hatte das so verstanden, dass man damit die politische Kultur meinte, die man ändern wollte. Doch dann haben sich die Piraten geändert, wurden immer mehr durch die medialen Mühlen gedreht und haben sich verbogen, um irgendwie schnellstmöglich dem Anschein als “ernstzunehmende Partei” (wenn nicht gar als potenzieller Koalitionspartner) durchgehen zu können, gerecht zu werden. Das hat den ganzen unbefangenen Spirit gekillt, leider.

    Plötzlich kamen von allen Ecken und Enden die Listengeier angestürmt; Karrieristen sahen hier ihre Chance ein schnelles Mandat zu ergattern, ohne eine Ochsentour im Lager von CDU/SPD/FDP… absolvieren zu müssen und und und.

    Wenn ich daran erinnern darf: Das zentrale Thema der Piraten war weder Wirtschaft noch Sozialpolitik oder sonst eins der grossen Felder auf denen sich die etablierten gegenseitig die Phrasen um die Ohren dreschen, nur um dann, wenn an die Macht gekommen, genau die Position der Vorgänger einzunehmen und den Karren weiter in den Morast zu fahren. Ist ja alternativlos, kann man nichts machen. Der Wähler wird es schon verstehen…

    Wir brauchen aber nicht noch so eine Partei. Was wir brauchen, und zwar dringend, sind neue, effektive Formen direkter Bürgerbeteiligung und Partizipation – nicht nur aller 4-5 Jahre. In den Parlamenten brauchen wir eine neue Kultur – thematische Koalitionen statt Fraktionsdisziplin. Die parteiintere Positionsfindung kann und sollte fortlaufend im Netz statt finden und nicht (nur) auf statischen Parteitagen, die dann regelmässig zu einer Art Self-DOS-Event mutieren, weil diese (alte) Form der Basisdemokratie schon aus zeitgründen nicht funktioniert (von fehlenen Nerven und/oder Finanzen ganz abgesehen). Wenn ihr versucht, die anderen Parteien zu simulieren, um von denen akzeptiert zu werden, werdet ihr scheitern. Ihr habt jedoch den Vorteil im Netz, den solltet ihr nutzen (und nicht nur zum twittern).

    Das ist meiner unbedeutenden Meinung nach die Chance und der Daseinsgrund für die Piraten. Entwickelt “Liquid Democracy” in einer wirklich tragfähigen, effizienten Form im Netz. Das hat das Potenzial euer Alleinstellungsmerkmal zu sein, denn dort liegt eure Kompetenz! Trefft eure Beschlüsse fortlaufend und zeitnah im Netz. Auf Parteitagen könnt ihr ja weiterhin euer Personal wählen, aber die inhaltliche Arbeit ist dort – zumindest in der bisherigen Form – nicht zu leisten. Damit macht ihr euch sonst bloss lächerlich und das ist auf Dauer kein tragfähiges Konzept.

    Trotzdem viel Glück und alles Gute noch im “Superwahljahr ’13″! ;)

  10. Gestern gebloggt: Die Piraten mussten in Niedersachsen verdientermaßen eine deftige Schlappe einstecken. Trotzdem können sie noch auf den Einzug in den Bundestag hoffen – wenn die Mehrheitsverhältnisse dort klarer sind: http://www.senSATZionell.blogspot.com/2013/01/piraten-hoffnung.html

  11. tell NRW

  12. Och, ich persönlich hätte mit einem 5%-Erfolg glaube ich ganz gut leben können. ;-)

    Es schmerzt mich, deine Analyse zu lesen, denn ich finde dich, Christopher, eigentlich recht erfolgreich, und ich finde dich gut so wie du bist. Lass dir bitte von keinem etwas anderes einreden.

    Wo du allerdings Recht hast: Wir müssen lernen, selbstbewusster (nicht arroganter) aufzutreten und anfangen, ernsthaft daran zu glauben, dass wir nicht nur von einer besseren Welt träumen können sondern die Welt wirklich besser MACHEN können. Wir müssen anfangen, uns selber ernst zu nehmen. Und im Umgang mit einander das vorzuleben, was wir predigen.

    Meine Analyse als NDS-Wahlkämpfer steht übrigens hier: http://metaphora42.wordpress.com/2013/01/21/manoverkritik-piratenwahlkampf-niedersachsen/

  13. Na dann auf. Wo bleibt die Pressekonferenz der Piraten zur Wahl?

  14. Winfried Sporkhorst

    Ich bin ein Wähler aus Niedersachsen und habe die Piraten gewählt obwohl soviel negative Berichterstattung gegeben hat ob nun Piraten von Ämtern sich getrennt haben oder ein Buch geschrieben worden war und von Heuchelei gesprochen wurde wegen geistigen Eigentum…oder ob der Vorsitzende gegen den Politischen Geschäftsführer. Streitereien in der Partei. Oder ist die Piraten Partei am ende. Ich hab euch trotzdem gewählt und werde es wieder tun.. Werdet wieder eine Einheit Zerfleischt euch nicht gegenseitig. Mein Bekanntenkreis wie Familie sagten bist du doof wählst welche die nichts können. Ich sage ihr könnt.
    Gruss ein Wähler aus Niedersachen

  15. Pressekonferenz: einer aus dem BuVo, einer aus Berlin, einer aus Schleswig-Holstein, einer aus dem Saarland und einer aus NDS.
    * BuVo macht den Beginn: Situation und Entwicklung des letzten Jahres. Viele neu Mitglieder, organisatorische Sortierung notwendig gewesen…
    * Fragerunde
    * NDS Pirat: Wahl in NDS Wahl. Reine taktikwahl die zum Verlust von Stimmen führte. Ansätze von dem Ziele der Piraten in NDS erzählen, die nun leider nicht gemacht werden können
    * Fragerunde
    * Berliner, Saar- und SH-Pirat erzählen von ihren Zielen und Erfolgen
    * Fragerunde
    * Abschluss BuVo: LQFB, Erfolge damit, weiter Ziele der Piraten.
    * Fertig

    Nur mal so als Gedanke. Wurde so eine PK eigentlich schon im Vorfeld geplant?

  16. Vielen Dank für den Hinweis. An deinem Beispiel sieht man, dass sich konstruktive Arbeit in Kompetenz auszahlt.

    Die Wahl allerdings würde in jeder Partei nicht nur hinsichtlich der Arbeit im Bundesland bewertet werden. Meiner Meinung nach ist das Ergebnis eine Schlappe für Schlömer, Nerz und Ponader.

    Ich meine, was ist das für ein politscher Supergau, das vielversprechende Modell “themen statt köpfe” nun besser durch Köpfe zeigen zu wollen? Ich meine, da steckt ja viel Bewunderung für den Weg vieler Berliner Abgeordneter und sicherlich auch insbosendere deinem ironischerweise mit drin, der Erfolg und Zweck der eigenen Partei jedoch wurde tatsächlich nicht vollends verstanden.

    Zusammenarbeit zwischen den Bundesländern funktioniert offensichtlich auch nicht so dicke, sonst hätten die erfolgreichen Dependancen NDS vielleicht doch mehr helfen können.

    In allen Flächenländern geht es jawohl vorrangig immer noch um Vernetzungsarbeit…

    Beste Grüße
    Reiner

  17. Sehr geehrter Herr Lauer,
    mir ist sehr oft aufgefallen, dass die Piraten in Berlin unglaublich wichtige
    Themen ansprechen. Nur leider findet das zu wenig in der Öffentlichkeit statt.
    Gerade wenn es um Transparenz und Zugang des Bürgers zu Wissen und Bildung geht.
    Eine riesige Menge Menschen sind n i c h t ständig im Internet auf Euren Seiten. Ihr müsst unbedingt mehr vor die Kameras!
    Und bitte erklärt mehr die Vorteile von Bürgerbeteiligung und Partizipation!
    Es haben nicht alle Abitur – und das ist ja auch gut so.
    Ich wünsche mir j e d e n Tag einen Vertreter der Piraten in der Tagesschau!

  18. Was ich nicht nur bei dir vermisse: Du sprichst wieder nur über Piratenbefindlichkeiten. Wähler kommen darin, wie üblich, nicht vor.

  19. Ich bin schon immer politisch interessiert gewesen, habe nur die letzten 20 Jahre nicht gewählt und werde nun durch die Piratenpartei und deren leicht verständlichen und für unsere Gesellschaft absolut sinnvollen Inhalten zur Wahlurne getrieben. Mit viel Enthusiasmus verfolge ich die Entwicklung und Christophers Reden im Landtag (ein Hochgenuss). Am Samstag Morgen in der Buxtehuder Fußgängerzone antwortet mir ein Pirat an seinem Stand auf meine Frage, wie ich denn im Herbst zur Bundestagswahl meine Stimme aufteilen soll; ob es eine Koalitionspartei gäbe oder ob ich wie gewollt beide Stimmen meinen Piraten geben soll, mit: “Die 2. Stimme ist für uns die Wichtigste, die bringt Geld in die Kassen. Oder hast du etwa eine Anzeige von Uns im Wochenblatt gesehen? Nein! Das können wir noch nicht bezahlen! Und wenn, dann wähle zusätzlich noch die SPD – die mögen Uns!”…. – Jesus fuckin´Christ!! Verkauft der Typ im richtigen Leben Versicherungen? Einer von diesen Profilneurotikern, die den Personalmangel bei den Piraten ausnutzen? Hallo?… Zum Glück wähle ich nicht nach Köpfen sondern nach Inhalten und bleibe euer neuester zusätzlicher Wähler! Reingehaun

  20. Das, was für mich die Piraten-Partei auszeichnet ist, das eben nicht “Herr oder Frau Reverenten-Entwurf” abgenikt wird, sondern der Weg zum Antrag selbst oft auch nachvollziehbar bleibt.

    Wie kam man auf die Idee zum Thema ABC Position XYZ zu haben … das dies dann auf Parteitagen zu sehr schleppenden Ergebnissen führt liegt am System Mensch. Das dies dann auch extrem frustriren kann, wenn nach einem Jahr intensiever Arbeit der Antrag nicht durchgeht, oder mit Nebenanträgen “durchlöchert” wird ist auch verständlich.

    Aber dieses System auszuhebeln bedeutet für mich die Piraten zu beerdigen. Die letzte Ansage des Vorstandes hat mich da sehr irritiert.

  21. Ich habe den Wahlkampf der Piraten zwar nicht verfolgt, aber ich Stimme Johannes’ Blogeintrag zu, dass die Piraten wahrscheinlich unter die Räder gekommen sind, weil es so knapp zwischen schwarz-gelb und rot-grün war. Ich freue mich jedenfalls vor allem für die Grünen, dass sie so ein gutes Wahlergebnis bekommen haben.

    Allerdings waren die Umfragewerte auch Bundesweit etwa auf 3% und nicht nur in Niedersachsen und laut einer Umfrage von Infratest dimap stört die Wähler am meisten, dass zu wichtigen Themen klare Positionen fehlen:
    http://www.tagesschau.de/inland/piratenniedersachsen100.html
    Die Piraten befinden sich einfach in einem Selbstfindungsprozess. Ich denke, es war für uns wichtig, zu erfahren was passiert, wenn man auf 7-9% kommt (Rechtsradikale wollen die Partei unterwandern, Lobbyisten kommen daher, die mediale Aufmerksamkeit steigt dramatisch, Typen kandidieren, die einfach nur ein schnelles Mandat wollen usw.) und aufgrund des schnellen Erfolgs kam das alles so plötzlich, dass das erst mal für Chaos gesorgt hat. Rechte und Mandatgeile sind inzwischen ausgesiebt, die einen durch klare Ansagen, die anderen aufgrund der 3%, Lobbyisten finden keinen Ansatzpunkt, wodurch die Ideologie der Basisdemokratie untermauert wird und an die mediale Aufmerksamkeit gewöhnt man sich nach und nach. Und jetzt, wo die Basis wieder unter sich ist, wird das Erlebte erst mal verarbeitet. Daher glaube ich, dass die Piraten gestärkt aus dem Tief hervor gehen werden und dass es eine wichtige Erholungsphase ist. Also jetzt heißt es Durchatmen und dann geht’s in Runde 2.

    Wer als Forscher das erste Mal in einen Dschungel geht, kann sich noch so gründlich vorbereiten, aber wenn er das erste Mal einem Tiger ins Auge sieht, wird er trotzdem nervös.

    Christopher, du meintest ja, wir sollen Wahlkampf machen, als wären wir bei 0%. Wenn wir bei 8% wären, hätte das garantiert nicht geklappt, mit 4.8% noch weniger, aber in der jetzigen Situation ist es kein Problem mehr.

  22. Den Piraten kann nur gelingen das Ding zu drehen, wenn sie endlich die Sorgen der Bürger wahrnehmen und vor allem mit ihren inneren Widersprüchen bricht.

    1) Die Piraten haben ihre Basis der Filesharer und Befürworter einer Drogenlegalisierung verloren, nachdem ein Kriminologe das Ruder übernommen hat. Es ist in etwa so paradox, wie wenn ein Ex-Vorstand von Exxon oder Shell einen Hersteller von Elektrofahrzeugen führen soll.
    Schlömer ist menschlich super, persönlich klasse, aber er bringt die inhalte nicht rüber. Wie soll er auch – es geht immerhin um die Entkriminalisierung von derzeitigen Straftatbeständen aus dem Nebenstrafrecht. Je progressiver er damit auftritt, umso mehr Schwierigkeiten könnte er beruflich bekommen.

    2) Die Piraten haben sich http://www.verfassungsbeschwerde.eu angeschlossen, wo der ESM die nach der Vorratsdatenspeicherung größte Verfassungsbeschwerde in der Rechtsgeschichte auslöste.
    Auf der einen Seite klagt sie gegen den ESM, auf der anderen Seite arbeiten die AGs an Verfassungen für Europa, sind für die Transferunion, etc.
    Anstatt endlich mit dem Fuß aufzustampfen und zu sagen: Lasst verdammt noch mal endlich das Volk entscheiden.

    3) Man lernt nicht aus den Fehlern der Vergangenheit. Im Februar/März konnte man noch zum Schlecker-Fall sagen: “Hat uns überrascht, da haben wir keine Meinung zu!” Das war ok.
    Seit Oktober ist allerdings klar, dass die Regierung ein Beschneidungsgesetz im Dezember 2012 verabschieden wird. Anstatt auf dem Bundesparteitag in Bochum solche aktuellen Debatten ganz nach vorne zu ziehen und sich für Dezember vorzubereiten, lässt man gleich 4 Parteien ein Gesetz beschließen, das dem mutigen Landgericht Köln in den Rücken fällt und geht nicht mal ansatzweise in Opposition zu dem grausamen Körperverletzungen. Im schlimmsten Fall wird man noch zur fünften Partei, die das abnickt.

    4) Machtkämpfe werden nicht eingefangen. Stattdessen schaut man zu, wie in Wiesbaden sich der ganze Kreisverband zerlegt.

    5) Unwahren Darstellungen der Presse wird nicht aggressiv genug entgegengetreten. Dass die Medien die Piraten hassen, das schreiben selbst naive SPIEGEL-Kommentatoren. Wenn’s denen schon auffällt, dass Meiritz & Co. alle 2 Wochen einen unsachlichen Verriss schreiben, dann muss man aggressiver gegen unwahre Behauptungen vorgehen, notfalls mit Beschwerden gegen den Presserat. Stattdessen verfällt die Piratenpartei in eine Schockstarre, irgendwelche anonymen Aktivisten erstellen einen Pressespiegel, der eigentlich von der Piratenpartei kommen müsste. Schlömer sagt auch noch, dass man sich von den Medien nicht unfair behandelt fühle. Man gesteht damit Fehler ein, die man nicht mal selbst zu verantworten hat. PR-technisch ein GAU!

    6) Zu wenig Effizienz. Für den Bundesparteitag in Neumarkt/Oberpfalz lässt man eine weitere Chance verstreichen. Den lässt man nur von 10-18 Uhr gehen, ganze 8 Stunden. Der Piratenpartei steht das Wasser bis zum Hals, sie hat hunderte Anträge in der Pipeline, weitere Antragsbücher sind in Vorbereitung und man arbeitet quasi 9 to 5.
    Hier müssen ÜBERSTUNDEN gekloppt werden!! Parteitag Samstag bis 23 Uhr ausdehnen, damit ordentlich was abgearbeitet wird und am nächsten Morgen wieder um 8 Uhr starten.

    7) Die Technik lahmt. Neumarkt/Oberpfalz muss der letzte Single-Parteitag sein. Danach muss endlich eine Beta-Version des Dezentralen Parteitags ans Netz gehen. Völlig schnuppe ob der in einem Desaster endet oder nicht. Man muss endlich den Kritikern beikommen, die anderen Parteien machen sich lustig, dass das Delegiertensystem viel gerechter und sozialer wäre, weil die Piratenparteitage nur für Leute mit Zeit und Geld zu erreichen wären.
    Recht haben die. Es muss endlich open-minded an elektronischen Abstimmungsverfahren gearbeitet werden und nicht die CDU-Einstellung “Geht nicht”, “zu unsicher”, “nicht jeder hat E-Mail”, usw. adaptieren. Dann müssen es die Leute eben lernen.

    8) Viel mehr Aktivismus. Ruhig auch mal die Grenzen des Legalen sprengen. Im Zug Flyer für den fahrscheinlosen ÖPNV verteilen ist ja nett. Früher hätten die Piraten Schlitze von Fahrkartenautomaten zugeklebt. Oder Fake-Plakate an den Straßenbahnen angeklebt, dass sich die DB AG dazu entschieden hat, den fahrscheinlosen ÖPNV zu testen und man heute ohne Fahrschein die Fahrgeräte benutzen kann.
    Sachen wie die Rundfunkgebühren schreien geradezu nach Aktionen. Man muss sich was einfallen lassen und da eher auftreten wie eine APO als Parlamentarier, die es sich im System bequem gemacht haben.
    Auch wenn die Aktionen bei den Bürgern für Kopfschütteln sorgen.
    Natürlich sind die Kritiker irritiert, wenn Material aus dem BER-Flughafen zu 95% vertraulich eingestuft werden und die Piraten darüber verfügen. Das Material müsste geleakt werden. Der Einwand ist irgendwo berechtigt. Früher hätte man das gemacht. Der LV Bayern hat das bei den ESM-Akten gemacht – alle waren konsterniert.

    9) Nicht labern, MACHEN! Das wurde ja schon mehrfach gefordert. Wenn die Piraten ständig labern, sie seien nicht links oder rechts, sondern vorne, dann müssen auch rechtskonservative Positionen gehört und diskutiert werden. Wenn ein Herr Urbach auf dem Bundesparteitag in Bochum seinen Mitgliedsantrag zerfetzt, nur weil in einem Antrag von “nationaler Identität” geredet wird, dann läuft gewaltig was schief. Solche Basta-Politik kommt in der Öffentlichkeit nicht gut an, schon gar nicht bei einer Partei, die anders sein will.
    Der häufige Einwand, dass eine weitere linke Partei niemand braucht, ist einfach nicht von der Hand zu weisen. Das Programm von Grünen und Linken zu kopieren, bringt einem doch gar nichts. Deren Klientel wählt lieber das Original.

    Viele Sorgen der Bürger zielen auf Europa und drohenden Wohlstandsverlust ab und nicht, ob man Mann, Frau oder Eichhörnchen sagen soll. Der Toleranzgedanke wird doch schon von Piraten mit Füßen getreten, wenn Leute ihre Meinung äußern, die nationalstaatlich und konservativ geprägt ist. Die Piratenpartei muss sich endlich an ihren Handlungsgrundsätzen orientieren, an dem was sie selbst sein will und nicht daran, was einige sehr links eingestellte Mitglieder mit Basta- und Ausgrenzungspolitik durchsetzen wollen.
    Die Sorgen der Bürger im Land sind elementarer als Eichhörnchen, Gender-Debatten.
    Dabei lässt sich der Konflikt einfach lösen – man muss gar nicht einen Antrag verabschieden, ob Euro oder DM. Verabschiedet einfach einen Antrag, in dem das deutsche Volk in einer Volksabstimmung entscheiden soll. Die Partei muss die anderen in Zugzwang bringen.
    Wenn die Piraten von vornherein in einer AG die Position ausarbeiten, dass man den Euro, EFSF, ESM, was auch immer behalten will, dann steht sie den 4 Einheitsparteien CDUSPDGRÜNEFDP in nichts mehr nach. Da hat selbst die LINKE noch mehr Mumm, die Wagenknecht-Rede (“Das ist doch Wahnsinn, Frau Merkel”) klingelt manchem Unioner noch heute im Ohr.
    Tretet endlich konsequent für Volksentscheide und Basisdemokratie ein und vor allem seid offen für alles. Wenn das Ergebnis dann ein nationalstaatliches statt europäisches ist, dann ist das eben so. Volk wurde gefragt, Volk hat entschieden.

    10) Weg mit den himmelvielen Nebenkriegsschauplätzen. Hört auf, euch Kriege über Twitter zu liefern, wo sie jeder mitkriegen kann und wo jeder Zoff gleich den Weg in die B.Z. oder BILD geht. Die suchen nur danach. Schlagt euch dann lieber per E-Mail.
    Reklamiert lieber kommunikativ die Erfolge für euch, bei dem was bisher geleistet wurde.
    Hinzu kommen noch so Sachen wie die Mitgliedsbeitrags-Außenstände, der unprofessionelle Umgang mit Querulanten (zu oft scheitern PAVs von offensichtlichen Sabotierern wegen Formfehlern), schaut besser beim Kandidatengrillen hin und setzt die Karrieristen, Fundamentalisten, Quertreiber und Deppen auf die Spitzenplätze von hinten.
    Bietet den Bürgern eine professionelle Geschlossenheit, auch wenn das in einer Partei von allen möglichen Strömungen schwerfällt. Wenn ein Herr Kliehm (Frankfurt) oder ein Herr Urbach (Berlin) auf Biegen und Brechen die Piratenpartei links verorten wollen und das auch offen zugeben, dann müssen da dringend Korrekturen her. Das Linke ist bereits parteienmäßig überproportional vertreten. Die Nichtwähler kommen aber offenbar, um sich Lösungen statt Ideologien zu erhoffen.
    Die haben bei Niedersachsen ganz gepflegt den Piraten den Mittelfinger gezeigt.

    Niemand verlangt, dass Bällebäder und My little Pony weggekickt werden – auf keinen Fall! Man muss sich so etwas bewahren, schon allein um sich von den anderen Spießern abzugrenzen und sich die Frische, die Jugendlichkeit und die Aufgeschlossenheit zu bewahren.

    Aber hört endlich auf, aus dem Hipp-Sein und der Flippigkeit den Selbstzweck der Partei zu machen. Die Probleme in Deutschland sind schlimmer denn je und wenn die Piraten wirklich 2013 eine Chance haben wollen noch was zu reißen, dann muss das einsetzen, was Christopher Lauer im Tweet forderte: Haut endlich auf die Pauke.
    Werdet aggressiver, nehmt euch endlich sachlichen knallharten Inhalten an und transportiert das nach außen.
    Fordert endlich die anderen zum Duell. Alle TV-Debatten werden derzeit ohne die Piraten abgehalten, in Niedersachsen sogar zum Piraten-Kernthema “Politikverdrossenheit”.
    Aber nur bei Twitter darüber schäumen reicht nicht, haut endlich in der Realität auf den Putz. Und zwar so, dass die anderen das nicht mehr ignorieren können.

Was denkst du?